«Mein Sohn wollte sich von seinem Leiden befreien»

Beitrag vom 21.06.2020
Kilian (ganz rechts) war der jüngste von drei Brüdern. «Er war
ein aufgestellter, lustiger Bub», sagt seine Mutter Renate.
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«Dass Kilian auf die Welt gekommen ist, ist ein Wunder», sagt seine Mutter Renate. Nach zwei Söhnen hatte sie sich unterbinden lassen. «Die Schwangerschaft zeigte mir aber: Dieses Kind will unbedingt leben.» Ein aufgestellter, lustiger Bub sei Kilian gewesen, sagt Renate und giesst die
Grabblumen. Als Jugendlicher habe Kilian häufig schwermütig und bedrückt gewirkt. «Aber das ist in der Pubertät ja nicht so aussergewöhnlich.»
Renate begleitete ihren kranken Sohn Kilian jahrelang, bevor er sich das Leben nahm. Ihre Söhne und Freunde gaben ihr Kraft zum Weiterleben.

Renate und sein bester Freund Stefan begleiteten Kilian durch seine schwierige Zeit.
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Doch Anfang zwanzig wurde Kilian manisch depressiv und entwickelte bipolare Störungen. «In diesen schwierigen Jahren war Kilian viel bei mir, wir haben telefoniert oder SMS geschrieben.» Die Angst, dass er sich etwas antun könnte, sei wie ein Damoklesschwert über ihr gehangen.

Kilian kämpfte gegen schwere Depressionen.
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Die Nacht vor seinem Tod verbrachte Kilian bei Renate. «Er schlug vor, gemeinsam eine lustige Vorabendserie zu schauen. Ich wollte zuerst noch etwas kochen, aber er wollte, dass ich bei ihm sitzen bleibe. Also bestellten wir Pizza.»
Während des Films habe Kilian immer wieder ihre Hand gehalten, was ungewohnt war. Bevor er ins Bett ging, nahm er ihre Hände und fragte: «Mam, schläfst du eigentlich gut?» Anstatt ihr wie üblich zu winken, gab er ihr einen
Gutenachtkuss.

Der 29-Jährige war ein begeisterter Musiker.

Als Kilian sich am nächsten Tag verabschiedete, beschlich Renate ein ungutes Gefühl. «Ich schrieb ihm eine SMS. Als er mir nicht antwortete, spürte ich, dass etwas passiert war.» Sie setzte sich ins Auto und suchte ihn. Ohne Erfolg. Zurück zu Hause stand ein Polizeiauto auf dem Parkplatz. «Als mir die Beamten sagten, was passiert war, schrie ich nur noch. Ich wollte zu meinem Sohn.» Das sei nicht mehr möglich, antworteten sie. Kilian hatte Schienensuizid begangen. «Dass mein Sohn auf so eine brutale Art aus dem Leben geschieden war, war so unbeschreiblich schrecklich. Auch wenn ich verstand, dass er sich von seinem Wahnsinnsleiden befreien wollte – der Schmerz, der Schock, die Trauer waren unermesslich.»

Kilian spielte Gitarre in einer Band.

Den Weg zurück ins Leben hat Renate dank ihren Söhnen gefunden. «Sie sind das Wichtigste für mich.» Kraft geben ihr auch Freunde, eine Selbsthilfegruppe sowie Zeichen, die ihr Kilian manchmal schicke. «Sei es ein Sommervogel, der
immer wieder auf der Terrasse lande, oder ein Regenbogen über seinem Grab.» Sie lache auch wieder, sagt Renate: «Meinen Humor habe ich nicht verloren. Es lohnt sich, weiterzuleben.»