Abschied, bevor das Zusammenleben beginnt

Beitrag von Marie-Theres Beeler

Wenn meine Eltern von einer Frau erzählten, die «in Hoffnung» sei, berichteten sie von einer Frau, die ein Kind erwartete. Für die meisten Eltern, die sich ein Kind wünschen, ist die Zeit der Schwangerschaft eine Zeit der Hoffnung und Vorfreude. Nicht nur beim ersten, sondern auch bei jedem weiteren Kind kann die freudige Erwartung durchzogen sein von Ungewissheit und dem Respekt vor all dem Unbekannten, das nach der Geburt den Lebensalltag prägen wird. Ein neuer Lebensabschnitt liegt vor ihnen. Meist erfüllt jedoch die  «gute Hoffnung» die Wochen des Wartens, der regelmässigen Untersuche und der Berichte über alles, was an Spannendem geteilt werden will. Dem grossen Ereignis fiebern nicht nur die werdenden Eltern und Geschwisterkinder entgegen. Oft begleitet ein grosses Umfeld der Familie gespannt die Zeit der Schwangerschaft. Grosseltern, Tante, Cousin, Gotte oder Götti zu werden, wird dank Ultraschallbildern auf Handys und Telefonaten nach Untersuchungen mitverfolgt. Ideen für die Begrüssung der neuen Erdenbürgerin oder die Ausstattung des neuen Erdenbürgers können im Familien- und Freundeskreis Stunden und Tage füllen. 

In der gynäkologischen Abteilung am Kantonsspital Liestal werden die Besuchenden der Frauenklinik von einem Screen mit herzigen Fotos der kürzlich Geborenen begrüsst. Wenn nicht Corona Grenzen setzt, ist der vordere Teil des vierten Stocks in permanentem Besuchsmodus. Girlanden und Blumensträusse in den Wochenbettzimmern künden von der Freude der Familien, die bald mit ihrem neugeborenen Baby nach Hause gehen. 

Auf dem gleichen Stock liegen die Zimmer jener Frauen, die diese oft ausgelassenen Freude in keiner Weise teilen können. Paare, die dem freudigen Ereignis entgegenfieberten, müssen Abschied nehmen von ihrem Kind. Das Kind ist im Mutterleib verstorben, allenfalls erst kurz vor dem Geburtstermin, wenn daheim alles gerichtet ist für das neue Familienmitglied. In anderen Fällen setzen nach wenigen Schwangerschaftswochen Wehen ein, die sich durch Bettruhe und medizinische Unterstützung nicht mehr aufhalten lassen. In diesem Fall kommt ein Kind zur Welt und wird unmittelbar nach der Geburt versterben. Wenn ein Kind vor der 22. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommt, hat es nicht nur minimale Überlebenschancen und ist auch gesetzlich noch keine Einwohnerin unseres Landes. Es besteht keine Bestattungspflicht, und der Fötus kann im Spital zurückgelassen werden, um später mit anderen Frühstgeborenen durch die Spitalseelsorge bestattet zu werden. Ein Begräbnis in der Wohngemeinde ist möglich, aber auch die letzte Ruhe im eigenen Garten oder im naheliegenden Wald.

Die Begleitung der von frühem Kindsverlust betroffener Eltern und manchmal auch Geschwister ist eine wichtige Aufgabe der Spitalseelsorge.  Hilfreiche Unterstützung kann dabei sehr unterschiedlich sein. Fast immer möchten die Eltern noch mit ihrem Kind zusammen sein. Das Spital verfügt über Babykissen in allen Grössen, hergestellt von Frauen des Vereins «Sternenkinder», die selber einen Kindsverlust erlebt haben.  Darin werden die Sternenkinder den betroffenen Eltern ins Zimmer gebracht. Die meisten sind froh um das Gespräch mit der Seelsorge darüber, wie es ihnen in der Situation geht. Viele suchen Unterstützung im Entscheid, ob sie das Kind selber oder auf dem Friedhof ihrer Gemeinde bestatten möchten oder es mit anderen Sternenkindern im Spital zurücklassen. Sehr oft wünschen sie ein Ritual des Abschieds, um ihrer Trauer einen Ausdruck geben zu können und ihr Kind im Herzen mitzunehmen. Diese Begleitung ist eine wichtige kirchliche Aufgabe in einer menschlichen Grenzsituation, unabhängig von der Religionszugehörigkeit betroffener Eltern.

Marie-Theres Beeler, Spitalseelsorgerin am KSBL Liestal
Beitrag aus der Zeitung «Kirche heute»